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Suche grossen Vorschlaghammer

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In den letzten Wochen sieht das bei mir in der Regel so aus. Ich komme zur Arbeit, mache mein Ding und gehe wieder nach Hause. In der Zwischenzeit bin mehr oder weniger gut gelaunt. Ausnahmen bilden jedoch die Tage, an denen wir Meetings haben. Heute hatten wir ein Meetings. Wir hatten sogar zwei Meetings.

Nachdem ich das Erste doch ohne nennenswerte Aufreger hinter mich gebracht hatte, arbeitet meine Leber – ich bin gerade aus dem zweiten Meeting zurückgekommen – auf Hochtouren. Dies liegt keineswegs daran, dass wir schon mal den Jahresabschluss vorzeitig mit Unmengen an Alkohol begossen haben, die Leber produziert eifrig Galle. Mein Magensäurespiegel hat toxisches Niveau. Ich müsste jetzt wohl mal eben einen halben Wal essen, damit sich da unten wieder ein einigermassen ausgewogenes Niveau einstellt.

Ich mache wirklich gerne in Internet-Scheiss. Wirklich. Da sitzt man schön im Trockenen, verdient ne Menge Asche und kann sogar noch seine Kreativität – wenn auch nur in Grenzen – ausleben. Alles supi. Der einzige Haken ist wohl aber, dass sich ja jeder, der mal einen Browser bedient hat, automatisch für einen halben Profi hält.

Wir haben hier Probleme mit dem Ranking unserer Seiten bei Google. Statt uns – wie gewünscht zu verbessern – verschlechtern wir uns schleichend aber konstant. Da wir im Grossen und Ganzen alle gängigen SEO-Massnahmen ergriffen haben, sind wir – die IT-Fredos – auch ziemlich sicher, woran es liegt. Das Problem haben wir mehrmals angesprochen, wir können aber nichts machen, weil es nicht in unserem Bereich liegt und die Ursache des angenommenen Problems auch vom Marketing so gewollt ist.

Die Massnahmen, die wir darüber angeregt bzw eingefordert haben, um unsererseits dann wieder bestimmte Massnahmen anstossen zu können, wurden abgelehnt bzw. mit kaum messbarer Priorität zu den Akten gelegt. So weit so gut.

Heute kam dann mein Lieblingskollege nicht umher, mal eben auf eine kleine Powerpoint-Präsentation zuzugreifen, die er eigentlich für kommende Woche vorbereitet hatte.

TOP 1 – wir brauchen eine Suchwolke! Eine was? Na, eine Suchwolke … Aha. Er meint eine Tag-Cloud. Das hätten jetzt alle und man würde das überall sehen und das wäre dann wohl auch bestimmt für Google total wichtig. A-ha! Da ich mir ja auf keinen Fall vorhalten lassen möchte, dass ich mich gegen Neuerungen sträube und sowieso und überhaupt total aufgeschlossen bin, wenn es um neue Techniken geht, frage ich voll Bewunderung, was denn in dieser Tag-Cloud dargestellt werden und welcher Nutzen damit erzielt werden soll. Ja, so die Suchbegriffe unserer Seite und dann kann das Google sehen. Ach-so! Die Suchbegriffe. Huch, Moment, die Suchbegriffe über die die Besucher auf unsere Seite kommen oder die Begriffe, nach denen sie auf unserer Seite suchen. Ja! Bitte? Ja, die Suchbegriffe. An dem Punkt bin ich schon etwas ungehalten. Etwas.

TOP 2 – Unsere Produktbilder haben als Dateinamen eine Nummer. Konkurent XY hingegen hat da den Produktnamen im Dateinamen. Das müssten wir auch so machen. Das ist total wichtig, hat der Kollege gelesen. Ich atme ein, ich atme aus – was bei der mittlerweile eingesetzten Schnappatmung alles andere als einfach ist. Ich gebe zu Bedenken, dass dies im Moment nicht so der richtige Zeitpunkt für die Kür ist, wir erstmal artig das Pflichtprogramm abarbeiten sollten. Zudem füge ich hinzu, dass das Benennen der Bilddateinamen kein kriegsentscheidenes Kriterium für Google ist. Dazu kommt noch ein ganz anderer Umstand, den ich hier nicht breittreten will, der aber auch ganz und gar gegen die sonst gar nicht so verkehrte Idee des Kollegen spricht. Der Kollege lässt aber nicht locker: Es habe gelesen, dass das extrem wichtig ist, die anderen erfolgreichen Konkurrenten machen das ja auch. Und vielleicht machen wir dann bei Google ja auch 1-2 Plätze gut. Dann hat sich der Aufwand doch gelohnt … Ich frage mich indes, ob mir der Chef wohl den Schaden in Rechnung stellen wird, wenn ich jetzt mit Anlauf in die Tischkante beisse.

TOP 3 – Keywords und son Zeug. Der Kollege hat da mal was vorbereitet. Auf der Seite einer Agentur, die es augenscheinlich geschafft hat, bei einer Typo3 Standard Installation das Logo auszutauschen, hat er ein ganz wichtiges und grossartiges Tool gefunden. Damit kann man sich nämlich ansehen, wie Google eine Seite sieht. Wow. In meinem Kopf laufen zwei Dinge parallel ab. Ich versuche mit verständlichen Worten PHP zu erklären … echo strip_tags(file_get_contents($url)) und um halbwegs ruhig zu bleiben, stelle ich mir vor auf einem endlosen Strand zu liegen. Der Kollege ruft eine Seite (Äpfel) der Konkurrenz mit dem Tool auf und dann im Vergleich eine Seite von uns (Birnen). Und kommt dann zu dem Schluss, dass die Konkurrenz einfach die besseren Seiten hat – daran sollten wir uns orientieren. Die Brandung rauscht gefällig an meinem Strand während ich gerade unbewusst aber effektiv den Bleistift in meiner Hand zerkrümelt habe.

Wieder an meinem Schreibtisch habe ich sämtliche Todos auf meiner Liste erstmal um eine Prio-Stufe nach unten gesetzt. Pffff. Fachbezogener Scheiss, der gute Mitarbeiter schaut auch mal über den Tellerrand. Ich habe jetzt 3 neue Todos mit mega ultra ober extremly high priority: 1) Kurzvortrag vorbereiten: Überstunden Ersitzen durch nicht fachbezogenes Surfen am Arbeitsplatz 2) Kurzvortrag vorbereiten: Mobbing vs. Profilierungssucht und der Kaulsalzusammenhang zur Fluktation im Unternehmen 3) Werde ich mal gucken, was wir sonst noch so an potentiellen Lieferanten in der Welt haben und diese nach den Logofarben auswählen und vorschlagen. Ich meine mich erinnert zu haben, dass ich mal irgendwie gelesen habe, dass die Farben total wichtig sind, beim Verkaufen und wir so bestimmt den Umsatz rapide ankurbeln können.

Vielleicht fahre ich aber auch gleich nur in den Baumarkt und kaufe mir so einen richtig dicken fetten Vorschlaghammer. Mit dem kann ich mir dann vielleicht so lange auf dem Kopf rumhauen, bis mein akuter Schmerz nachlässt. Himmel, was für ein toller Tag.

8 Kommentare

  1. Sach ma, liest Dein Chef hier eigentlich mit? Oder haste gleich auch mal gekündigt?

  2. Das hat jetzt nix mit Schadenfreude zu tun oder so – aber: Ich mag Deinen Lieblingkollegen!
    Sonst käme ich na nicht in den Genuss derartig kurzweiliger „Ergüsse“ 😉

    Danke dafür!

  3. Wenn Du den Hammer gefunden hast … leihste mir den mal?

  4. Dafür mag ich Dich! Den Hammer kann ich Dir gerne leihen, mir leistet er regelmäßig gute Dienste!

  5. Tja, du solltest eben mehr an der Fähigkeit arbeiten, totale Kompetenz bei völliger Ahnungslosigkeit auszustrahlen. Nicht andersherum. Siehste ja, dass das funktioniert. Merckx dir mal.

  6. Wüsste ne Internet-Agentur mit Online-Marketing-Abteilung, die Euch mit Rat und Tat zur Seite stehen könnte.

  7. Mach dir nix draus, det passiert in allen Branchen ejal ob IT oder richtig klassisch:

    Zitat aus der Zeit von Gestern:

    „Den Rest habe ihm dieses Meeting mit einer Beraterfirma die eine Strategie für die Verlagsgruppe entwerfen wollte. Da warfen Mittdreißiger PowerPoint Präsentationen an die Wand ….. in den Verlagen haben oft kulturelle Analphabeten das sagen, die schon lange keine Zeitung mehr lesen, aber sich berufen fühlen uns Journalisten zu erklären wie man eine Zeitung macht. Sie behandeln uns wie Lückenfüllprodutionen zwischen den Anzeigen „.

    Und das sagt immerhin der Chefredakteuer des Handelsblatts !

  8. Konsequenzen ziehen: http://tinyurl.com/yan84we

    Ich hab vor drei Jahren die Chance für meinen großen Abgang vertan. Und jetzt sehe ich weit und breit keinen Grund mehr dafür. :)

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