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Blogs sind tot.

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Seit ben_ in Hamburg gestrandet ist, habe ich ja schon das eine oder andere Mal gefragt, ob alles in Ordnung ist, weil sich seine Beiträge so düster lesen zum Teil. Nachdem ich nun beim kopfzeiler seine Gedanken zum Tod der deutschen Blogosphäre gelesen habe, mache ich mir jetzt keine Sorgen mehr über ben_, sondern denke mal, dass es wohl an Hamburg ans sich liegen muss. Und ralf schwartz wohnt vermutlich auch in Hamburg und die Adresse in Düsseldorf ist nur für etwaige Abmahner gedacht.

Die drei beerdigen jedenfalls mehr oder weniger drastisch die Blogs, die Blogger oder die Blogosphäre. Das ist mir zu dunkel. Das ist mir zu düster. Da muss ich als Pendler zwischen den Kulturweltstadtmetropolen Herford und Bielefeld gegensteuern. Den Jungs muss ich zeigen, dass selbst an diesem grauen Herbsttag die Sonne über der Wolkendecke scheint.

Alle drei gehen – soweit ich das mit meinen bescheidenen Mitteln verstanden habe – davon aus, dass Blogs etwas besodners sind oder waren. Das dahinter eine Aufgabe steht. Ich denke schon allein dieser Ansatz fusst in einer elitären Denkweise. Ich blogge also bin ich. Ich schreibe nicht, weil ich die klassischen Medien verändern will. Ich will auch nicht die Welt verändern. Ich habe einfach Spass am Schreiben. Und das Internet ist mein Werkzeug. Und da schau her, es gibt sogar Leute, die lesen, was ich schreibe. Warum auch immer.

Dazu gehört sicherlich eine gewisse Form von Egozentrik und Exhibitionismus. Wie auch – denn ich lese ja auch Blogs gerne – ein Hauch von Voyeurismus. Das ist es, so denke ich, neben der Lust am Schreiben, was mich mit anderen Bloggern verbindet.

Und sicherlich hat sich das Bloggen – wohl zumindest mein Geschreibsel – in den letzten vier Jahren verändert. Aber das liegt doch in der Natur der Sache, oder? Dinge verändern sich. Man(n) ändert sich. Alles ist irgendwie im Fluss.

ben_ meint „Blogs kränkeln.“ Puh. Echt? Verstehe ich nicht. Ich lese ben_’s Blog schon sehr lange. Das macht nach wie vor einen ziemlich gesunden Eindruck. Und das gilt auch für diverse andere Blogs, die ich lese. Sicherlich. Eine ganze Reihe der Blogs, die ich früher gelesen habe, existieren nicht mehr. Und? Die Leute haben jetzt andere Prioritäten oder mich interessiert einfach nicht mehr, was sie schreiben.

ben_ schreibt: „Microblogging hat einiges an Geschwindigkeit und Dynamik aus der Blogsphäre genommen.“ Ist das so? Kann ich nicht wirklich bestätigen. Ich sehe Twitter eher als anderen Kanal. In der Session auf dem Berliner Barcamp zum Microblogging-Kongress sagte ein Typ in einem anderen Zusammenhang, dass man beim microblogging zwischen signal und noise unterscheiden müsste/könnte. Für mich ist das Bloggen signal und das microblogging noise. Ich sehe microblogging nicht als Weiterentwicklung oder Konkurrenz zum Bloggen, sondern zum herkömmlichen Chatten. Ich selbst kenne nur einen Blogger, der jetzt weit weniger bloggtt, was wohl aber eher damit zu tun hat, dass sein Blogpostings schon nie gross über 140 Zeichen hinaus kamen. Und nur, damit man mich nicht falsch versteht, ich mag das Rauschen von Twitter durchaus.

ben_ hält für sich fest: „Blogs wurden in den letzten 2 Jahren nicht zuletzt von der Journaille sehr gehypt und gebasht. Dieser Hype geht jetzt vorrüber.“ Ist das so? Nur weil die klassischen Medien hin und wieder mal den Blogs etwas Aufmerksamkeit geschenkt haben? Ich meine ja eher, dass wir Blogger uns selbst gehypt haben. Mit dem Blick in die Staaten, wo die Blogger sich wohl irgendwie etabliert haben, wollten wir auch Ernst genommen werden. Oder so ähnlich. Einen echten Hype der Medien kann ich nicht erkennen. Wenn dieser Hype wirklich dagewesen wäre, wieso gucken mich dann immer noch unzähige Leute wie einen Ausserirdischen an, wenn ich sage, dass ich blogge. Nene. Den Hype haben wir Blogger uns vielleicht eingeredet. Weil wir Blogger sind. Nicht wirklich anders. Denke ich.

ben_ behauptet: „Der deutschen Blogsphäre fehlt immer noch das Format der US-Blogsphäre.“ Kann sein. Weiss ich nicht. Ich kenne mich in der US-Szene gar nicht aus. Nur das, was in den klassischen Medien steht. Ich lese kaum US-Blogs. Wohl wissen wir doch aber, dass die Amis eben anders sind als wir. Das da vieles einfach anders funktioniert. Aktuelles Beispiel ist der Wahlkampf. Sowas funktioniert hier in Deutschland nicht so. Da sind wir anders. Ein anderes Beispiel: Rede mal mit einem Deutschen über Dein Gehalt. Schön, wie sich die Leute dann winden. Ist in den Staaten auch ganz anders. Ich würde eher sagen, dass die deutsche Blogsphäre ein anderes Format hat als das Pendant in den Staaten. Und daran wird sich auch nichts ändern.

ben_ hat in Erfahrung gebracht, dass „Gerade progressive Online-Journalisten bedauern es sehr sehr, dass wir in Deutschland so hinterherhinken.“ Ist das so? Dann sollten die doch einfach anfangen, selbst zu bloggen, oder? Wenn wir etwas von denen lernen können, dann mal los? Bedauern ist ja schön und gut, aber wer Veränderungen wirklich will, muss sie doch in der Regel aktiv mitgestallten.

Joha sagt plat: „Der wahrgenommene Teil der deutschen “Blogoshäre“ ist in einem Zustand wie das internationale Finanzsystem vor dem Crash. Es gibt keine objektive Währung, in der Relevanz oder Wahrnehmung gemessen werden. Der Link hat ausgedient, er ist überbewertet wie die Schrottimmobilien in Kalifornien.“ Fraglich ist doch, ob man Relevanz wirklich messen kann oder überhaupt muss. Relevanz ist doch sehr subjektiv, nicht? Sicherlich finde ich so manche Themen, die da bei Rivva erscheinen ziemlich langweilig. Andere sehen das anders. Vermute ich mal. Ich behaupte mal, Relevanz ist nicht messbar. Wird es auch nie sein, ist es auch in den Staaten nicht.

Joha weiter: „Doch je mehr Bloggen im Mainstream ankommt, eine Kulturtechnik wie jede andere wird, desto weniger kann die Illusion aufrecht erhalten werden, dass der Großteil der Blogger irgendetwas außer des Werkzeugs gemein hat.“ Da muss ich überlegen. Mal von dem, was ich oben bereits schrieb, abgesehen, fühle ich mich doch mit anderen Bloggern verbunden. Sicherlich durch das Werkzeug. Aber auch durch das Schreiben und Lesen. Das wird sich auch nicht ändern, wenn immer mehr Leute bloggen. Sicherlich habe ich mir Bloggern genauso viel oder wenig gemeinsam, wie mit den Menschen, mit denen ich zusammen die Halbmarathonstrecke zurücklege. Muss ich aber auch nicht. Blogger sind nicht meine Freunde. Wohl aber sind manche meiner Freunde Blogger.

Joha meint auch „Der Sammelbegriff deutsche Blogosphäre muss sterben, weil das, was wir unter ihm verstehen der Diversifizierung und Manigfaltigkeit nicht mehr gerecht wird, eine Scheinhomogenität suggeriert und jede Weiterentwicklung verhindert. Mit ihm stirbt auch das Konzept des “Bloggens als Identität“. Wenn ich als Schreiner in einem Kegelverein bin und mich auf ein Party jemand fragt, was ich mache, werde ich kaum “Ich bin Kegler“ antworten. Genauso wenig wird die Mehrzahl der bloggenden Zeitgenossen künftig auf diese Frage “Ich bin ein Blogger“ entgegnen.“ Jane. Wenn der Schreiner auf der Party aber später gefragt hat, was er denn in seiner Freizeit macht, dann wird er doch schon sagen, „ich blogge“. Nicht? Und wenn der Kegler im Sauerland-Stern-Hotel mit seinen Jungs weilt, dann wird er der Damenwelt wohl auch zuhauchen „Ich bin Kegler!“ Ich weiss nicht, wer seine Identität über das Bloggen definiert. Ich denke mal die wenigstens Blogger. Wohl glaube ich aber schon, dass die Leser nicht den Menschen sehen, sondern sich ein Bild der Person zurecht schustern, die sich Ihnen durch ihre subjektive Wahrnehmung aufzwingt.

Ralf meint: „Wie enttäuschend, kein Wunder, daß die Vielfalt, die Kultur und Kreativität der Blogosphäre am Boden – oder gar unterirdisch – ist.“ So eine Aussage kann ich nicht nachvollziehen. Ich lese ca. 100 unterschiedliche Blogs. Hauptsächlich Deutsche. Ich habe da eine Breite und Vielfalt, die ich geniesse. Dafür gibt es keinen Index, in dem man sucht. Es bedarf schon etwas Arbeit, Zeit und Geduld, die Blogs zu finden, die man interessant findet. Und selbstredend haben die so gar nichts mit irgendwelchen Rankings zu tun.

Ralf davor: „Sehr froh bin ich, daß ben_ in seinem Kommentar zum Tod der deutschen Blogosphäre noch auf ein wunderschönes Blog verweist: ruhepuls.ws. Denn das ist genau, was ich meine – und davon brauchen wir mehr! Keine kommerzialisierten und im Mainstream abgesoffenen Barcamps!“ ich wiederspreche mal. Davon brauchen wir nicht mehr. Du, lieber Ralf sehnst Dich nach ähnlichen Blogs. Ich hingegen interessiere mich vielleicht eher für Blogs 20jähriger Stripperinnen, die täglich ihr Kostüm beschreiben. Wir haben vielleicht eine ähnliche Leidenschaft, aber wie beim Kochen, haben wir doch sehr wohl meist einen sehr eigenen Geschmack! Und ich meine durchaus, dass wir kommerzialisierte BarCamps brauchen, denn nur so können wir mehr Leute erreichen und unsere Ideen verbreiten. Zumal Du höchst selbst, die Chance hast, mit abgehobenen Themen ein BarCamp ein Stück weit den Underground zurückzugeben.

Blogs sind nicht tot.
Denen geht es noch nicht mal schlecht!
Die Blogosphäre ist ein Universum, in denen wir ständig neue Galaxien und Sterne wie Sternchen finden können – wenn wir denn wollen. Tot ist die nicht. Nur so gross, dass sich manche wohl davor fürchten, sich in ihr zu verlieren.

[ Und aus reinem Gruppenzwang verlinke ich jetzt auch brav noch Telepolis: Wann kommt die Bankrott-Erklärung der Vierten Gewalt?. ] Den Zusammenhang der genannten Beiträge habe ich erst Dank Code Candies und Rivva erkannt.

6 Kommentare

  1. Ich hingegen interessiere mich vielleicht eher für Blogs 20jähriger Stripperinnen, die täglich ihr Kostüm beschreiben.

    …hier hast du doch bestimmt vergessen, einen Link zu setzen 😉

  2. So ist das beim Ausdemfensterlehnen, da darf ich mich nicht wundern, wenn ich runterfalle. ;]
    Sooo hab ich das ja alles gar nicht gemeint. Gleich der dritte Satz in meinem Artikel lautet ja „Das ist natürlich Unfug“. Und die drei von mir erwähnten Punkte sind ja nur kleine Funken Wahrheit. Die Punkte in denen ich es gut Meinung mit den Blogs hast Du natürlich geflissentlich ausgelassen. Dafür liebe ich es hier zu sein. Seitjeher. Danke!

  3. Sooo hab ich das ja alles gar nicht gemeint

    Ben, Du hängst zuviel mit Journalisten rum. 😀

  4. Servus,

    interessanter Artikel, wegen dem Unterschied zu deutschen und US-Blogs wollte ich nur sagen, dass viele englischsprachige Blogger auch etwas verdienen können (und viele dort auch deswegen bloggen). Hier ist der Großteil nur Hobbyblogger und manchmal ändern sich dann eben auch die Hobbies oder liegen für eine gewisse Zeit brach.

    Diese können sich dann auch leisten, mehr Zeit ins Schreiben zu stecken. Das führt zu einer besseren Qualität. Könnte ich mir mit bloggen die paar Kröten verdienen, die ich jetzt anderweitig ranschaffen muss, würde ich dies natürlich tun, andernfalls will (und kann) ich mir derzeit die Zeit nich freischaufeln.

  5. Ich finde Blogs doof, in denen zuviel übers Bloggen gebloggt wird.

  6. @Flemaya: Naja gerade das FAZIT meines Artikels ist ja ein anderes. Aber Du hast schon Recht. Wer mit den Schmuddelkindern spielt …

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