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Lucy – ein Nachruf

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Früher hatte ich einen guten Freund, der meine Autos versorgt hat. Der konnte das wirklich gut, gelernt ist gelernt. Den Freund habe ich immer noch, allerdings musste er ja unbedingt studieren und verdient jetzt als technical consultant seine Brötchen. Sein Firmenwagen wird in der Werkstatt gewartet und ausserdem ist er in den Ruhrpott gezogen. Aber damals war die Welt noch in Ordnung. Fast zumindest.

Als Studenten hatten wir uns entschlossen, das Peugeot 304 Cabrio in einer angemieteten Garage einzumotten ( natürlich nur, um 3 Jahre später den Wagen wieder zulassen zu wollen und völlig fassungslos dem Tüv-Prüfer dabei zu beobachten, wie er mit seinem Schraubenzieher an jeder beliebigen Stelle des Bodenblechs eintauchen konnte, wie in frischen Brie ) und mit dem Nissan Micra auszukommen. Ich wollte aber eigentlich lieber Mercedes fahren und wie durch ein Zufall hatte mein Freund alsbald einen Daimler an der Hand. Einen W123 240D mit Servo-Lenkung und Schiebedach. Tolles Auto. Die Sitze waren völlig durchgesessen und die Schweller nur noch rudimentär vorhanden. Egal. Tolles Auto.

Lucy Nur war jener Freund aber nebenbei selbstständig und verdiente damit sehr gut, hingegen musste er die Instandsetzung des Daimlers zum Selbstkostenpreis erledigen. Dummerweise hatte ich die Finanzministerin zwischenzeitlich schon überzeugt, dass unser Nissan Micra durch sei, und wir den am besten schnellst möglich verkaufen sollten. Was wir auch getan haben. Bloss der Daimler, der wurde und wurde nicht fertig. Nachdem wir es 6 Wochen ohne Auto ausgehalten hatten und ich meinem Freund kurzweilig die Freundschaft gekündigt hatte, musste ein Fahrzeug her.

Ich habe ja einen Auto-Tick. Und die Finanzministerin ist immer so nett, den mitzutragen. Also war es ganz klar, dass wir ein eher unkonventionelles Auto nehmen würden. Zudem ein preiswertes, denn unser Budget war eigentlich nicht existent. Ente oder Mini. Darauf haben wir uns schnell geeinigt. Zwei Enten hatte ich mir angesehen, eine sogar probegefahren. Fazit: Brauchbare Enten sind zu teuer. Und ein paar Tage später habe ich dann in den Kleinanzeigen einen Mini ganz in unserer Nähe gefunden.

Ich habe mir den Mini angesehen und gekauft. Das erste Auto, was ich ganz alleine gekauft habe. Ein Fehler. Ist ja klar. Mini fahren, kann man nicht beschreiben, das muss man erlebt haben. Und ich meine hier nicht den Retro-BMW-Bomber, sondern die klassische alte Form. Nach den ersten 1000 km war jedenfalls klar, dass der Mini ein Problem mit der Kopfdichtung hatte. Das war aber nur das erste aus einer langen Reihe von Problemen, die dann zum Tüv-Termin dahingehend an Gewicht gewannen, dass man so einiges zu erledigen hatte. ( Mittlerweile hatte ich die Kündigung der Freundschaft auch großzügig zurückgezogen … )

Lucy Wenn man Teile für ein altes Auto kauft, dann kann man ratz-fatz eine Menge Geld ausgeben. Was liegt da näher, als sich einfach ein zweites Fahrzeug zuzulegen, um dann locker aus zweien ein fahrbares zu erzeugen? Gar nichts. Wenn man das richtige Schlachtfahrzeug kauft. Wieder über eine Kleinanzeige hin, haben wir uns bei Hameln einen Mini angesehen. Am Telefon erzählte uns der Verkäufer, ein KFZ-Meister, dass er den Wagen für seine Frau aufbauen wollte, diese dann das Interesse an dem Mini (oder an ihm selbst, ich erinnere mich nicht mehr so genau) verloren hatte. Der Wagen wäre zerlegt, aber vollständig. Zudem hätte er ihn rund gemacht und mich reichlich Rostschutz und Hohlraumkonservierung bearbeitet. Das hörte sich in der Tat schon sehr prima an. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass er damals sagte, man müsse den Wagen nur noch lackieren und wieder zusammenbauen.

Der besagte Freund hatte zwischenzeitlich eine Tankstelle übernommen. Da hing irgendwie so ein seltsamer Deal dran, dass er nicht wirklich umsatzorientiert arbeiten musste, sondern lediglich die Tankstelle geöffnet halten musste. So waren wir uns schnell einig, dass wir den neuen Mini in seiner ungenutzten Werkstatt abstellen durften, im Gegenzug die Wochenende an der Tankstelle kassieren würden. So kam es dann auch. Das Kassieren erwies sich allerdings für uns als finanzielle Katastrophe. Wir hatten – mit Rücksichtnahme auf den Mini und die Abstellmöglichkeit einen Stundenlohn vereinbahrt, der sich wirklich nur als Freundschaftpreis bezeichnen lässt. In der Regel hatten wir in den achten Stunden, die wir da am Tag gearbeitet haben, soviel Süsses und anderes konsumiert, dass wir an manchen Tagen auch noch etwas bezahlen mussten. Zudem war die Arbeit dort so erschöpfend langweilig, weil wirklich nur jede Stunde mal ein Kunde kam – wenn überhaupt. Nebenbei haben wir dann den Mini bearbeitet. Im ersten Schritt haben wir alle noch der Lackierung entgegenstehenden Teile entfernt und ein paar Tage damit verbracht, den Unterbodenschutz vom Frontblech zu kratzen. Irgendwann hatten wir dann auch so eine lustige Hinterhof-ohne-Rechnung-aber-mit-mieser-Qualität-Lackiererei aufgetan und den Mini dort abgegeben. Ein knackiges Gelb – so sollte er lackiert werden. Ein paar Wochen später kam der Wagen zurück und sah schon toll aus.

Wer mit alten Autos schon mal gespielt hat, der weiss, was für ein erhabenes Gefühl es ist, die frisch lackierte Karosserie zurückzubekommen und dann nach und nach die Teile wieder anzuschrauben. Die ersten 2-3 Wochenenden hatten wir auch richtig Spass. Irgendwann wollte wir dann die Türen einsetzen. Wollten. An uns hat es nicht gelegen, soweit schon mal vorab. Vielmehr hatte der hach-so-tolle-KFZ-Meister beim Zusammenbraten der Kotflügel definitiv kein Augenmass gehabt. Die Türen passten nämlich nicht. Weder links – noch rechts. Und wenn ich hier schreibe, sie passten nicht, dann meine ich nicht, dass die Spaltmasse nicht so doll waren, sondern vielmehr, dass die Türen sich nicht schliessen liessen. Die Türen waren 2-5 cm länger als ihre Öffnungen. Schade eigentlich.

Eher verdammter Dreck. Ich stand da mit Tränen in den Augen. Ich war fix und fertig. Einer der wenigen Tage an denen ich ernsthaft darüber nachdachte, nie wieder ein nettes, altes Auto zu kaufen bzw. zu fahren. Mein Freund war jedenfalls so nett mit einem weiteren Bekannten, die Kotflügel oder auch Teile der A-Säule zu versetzen. Danach musste der Wagen dann wieder zu Lackierer und das Ganze hat nach meiner Erinnerung auch ewig gedauert. Wie auch das anschliessende Zusammenbauen. Irgendwas war immer. Gut voran ging es selten. Aber irgendwann waren wir dann soweit. Der Motor lief, die Innenausstattung war komplett, der Mini sah zudem richtig heiss aus. Alus, Kotflügelverbreiterungen, keine Stossstangen – das ganze in den ansprechenden Selbstmörderfarben gelb und schwarz.

Die Vollabnahme beim TÜV gab nochmal richtig Gezitter, weil der Prüfer irgendwie fünf nicht gerade sein lassen wollte. Obschon wir den Mini nicht tiefer gelegt hatten, war der Federweg an der Hinterachse nicht besonders gross. Das erregte seine Aufmerksamkeit, wie auch das deutlich über den Serienangaben liegende Gesamtgewicht ( Ich meine unser Mini war 100 kg schwerer als ein handelsüblicher Serienmini. Der ganze Spachtel und der Zinn haben da wohl auch lustig zu beigetragen. Dennoch haben wir, wie durch ein Wunder, die begehrte Plakette bekommen.

So weit, so gut? Nicht wirklich. Denn letztendlich war die TÜV-Abnahme nur der Beginn der Fortsetzung von Pleiten, Pech und Pannen. Kurz angemerkt: wir waren ja immer noch Studenten und durch das Auto mittlerweile auch am Rande unserer finanziellen Möglichkeiten. Jede weitere Reparatur war also nicht nur nervig, sondern auch eine arge Belastung für den Geldbeutel. Da war man dann immer brav bemüht, Lösungen für Probleme zu finden, die möglich kostengünstig waren. Alternativ konnte man Probleme auch prima verdrängen.

Wie beispielsweise den linken Scheibenwischer. Der ist immer abgefallen. Während der Fahrt, versteht sich – immer wenn man ihn brauchte. Das einzig positive an der Geschichte war, dass er – selbst auf der Autobahn – nicht vom Auto fiel, sondern brav vor der Scheibe liegen blieb. Dann musste man also fix die Scheibe runterkurbeln, den Scheibenwischer schnappen und je nach Verkehrsfluss den Scheibenwischer manuell betätigen.

Ein anderes Problem: Der Wagen wurde heiss. Richtig heiss. Das Kühlwasser war immer nett am Kochen. Das Thermostat konnte ich später fast blind wechseln. An dem lag es aber nicht, sondern vielmehr daran, dass wir das Lüfterrad vom Kühlwasser falsch herum eingebaut hatten.

Lucy Nimmt man jetzt also die beiden Problem zusammen, dann erinnere ich mich da an einem Autobahnfahrt, bei der ich wirklich fix von A nach B musste. Ich hatte es also eilig und keine Zeit für Spielereien. Die 40 PS der Minis waren keine Wucht, konnten den kleinen Wagen aber durchaus ganz nett beschleunigen und bei 120 km/h hatte man eh das Gefühl, man würde gleich abheben. Ich war also auf der Autobahn unterwegs, Bleifuss versteht sich, ich hatte es eilig. Also fing dann irgendwann an der Kühler das kochende Wasser auszuscheiden. Verbunden mit dem Fahrtwind fand das leicht rostige Wasser auch fix den Weg auf die Fahrerseite der Frontscheibe. Kein Problem, dachte ich. Scheibenwischer angestellt. Plop. Scheibenwischer abgefallen.

Aber man bekommt ja Routine. Also habe ich beim Fahren die Scheibe runtergekurbelt, mir den Scheibenwischer gekrallt und eben manuell die Scheibe freigewischt. Ok. Ich bin meine ganze Auto-Karriere lang alte Autos gefahren, man gewöhnt sich ja an solche Macken. Als dann aber mal auf der Heimfahrt die Bremsen total versagt haben, hat die Finanzministerin ein lautes, deutliches Veto eingebracht. Innerhalb von ein paar Tagen hatten wir einen R5 auf dem Hof stehen und den Mini abgemeldet.

Dieser hat dann in den letzten Jahren mal in dieser Scheune, mal in jener Garage gestanden. Auch mal 3 Jahre im Freien. Wir wollten ihn nicht weggeben. Schliesslich hatten wir so viel Zeit, Geld und Liebe in Lucy investiert. Das letzte Jahr hat der Mini dann in unserem Vorgarten gestanden. Und dann war auch klar, dass es da kaum noch Substanz zum Restaurieren gab. Also … 1 2 3 zu ebay. 150 Euro haben wir noch bekommen. Der Käufer nimmt Lucy als Organspender. Ein wenig traurig war ich schon.

6 Kommentare

  1. Du hast Dein Versprechen, den Wagen deinem Nachwuchs dann zum Abitur zu schenken, vergessen (hiermit für die Ewigkeit dokumentiert)

  2. @will sagen: sagt wer jetzt?

    @Kasi: Wenn ich die Wegstellkosten für die kommenden Jahre addiere, kann ich dem Nachwuchs dann einen kleinen Neuwagen hinstellen. Zudem haben wir ja noch das eine oder andere ältere Fahrzeug, das sich dann anbietet.

  3. … Ich mein’ das mehr so allgemein. ;)

  4. Jaja. Ist schon klar. Aber Du kennst Dich im Glashaus ja schon aus, oder? ;)

  5. Ja, aber das Glashaus haben wir ja genauso verkauft, wie ich zwei von meinen Autos. Und das dritte gibts bei mobile . :D

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